Franz Liszt (1811-1886):

Die Legende von der heiligen Elisabeth

englisch The Legend of St. Elizabeth / französisch La Légende de Sainte Elisabeth

Allgemeine Angaben zum Oratorium

Entstehungszeit: 1857-62
Uraufführung: 15. August 1865 in Pest (in ungarischer Sprache unter dem Titel 'Szent Erzsébet Legendája')
Besetzung: Soli (Sopran, Mezzosopran, Bariton und Bass), gemischter Chor und Orchester
Erstdruck: Leipzig: C.F. Kahnt, s.a.
Verlag: Budapest: Editio Musica, 1986
Melville, N.Y.: Belwin Mills, 197x
London: Novello, 1923
Opus: Searle 2

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[Details]
Die Legende von der heiligen Elisabeth (CPO, DDD, 2007)
Franz Liszt (1811-1886)

klassik. com 12 / 07: »Die Einspielung der Staatskapelle Weimar überzeugt durch einen sehr druckvollen, lebendigen Klang: Unter der Leitung von Carl St. Clair gelingt es dem Orchester, äußerst flexibel auf den Kontrastreichtum der Partitur einzugehen: Im Zusammenspiel mit dem kraftvollen und sinnlichen Chor des Ungarischen Rundfunks entstehen so Klänge von faszinierender Anmut.«

Zum Oratorium

Art: Oratorium für Soli, gemischten Chor und Orchester
Libretto: Otto Roquette (1824-1896)
Sprache: deutsch
Ort: die Wartburg in Thüringen
Zeit: im 13. Jahrhundert

Personen der Handlung

Hermann: Landgraf von Thüringen
Sophie: Landgräfin, seine Gemahlin
Ludwig: Landgraf, dessen Sohn
Elisabeth: Tochter Andreas II. von Ungarn, mit Ludwig verheiratet
Friedrich II.: römisch-deutscher Kaiser
Weitere: ungarischer Botschafter, Burgverwalter

Handlung

1. Teil:

Das Volk von Thüringen heißt die kleine Braut auf der Wartburg herzlich willkommen. Aus dem fernen Ungarn hat sie die Reise angetreten, um den Landgrafen Ludwig später einmal zu ehelichen. Der Vater des Landgrafen freut sich über die kindliche Schwiegertochter und bekundet ihr sein väterliches Wohlwollen. Der ungarische Botschafter legt als teures Pfand des Ungarnlandes holde Blüte vertrauensvoll in seine Hand. Er soll das reine Kinderhaupt beschützen; dem Mutterherzen entrissen und des Vaterlandes beraubt, bedarf es der besonderen Fürsorge. – „Was Vaterliebe treu vermag, sei reich gespendet diesem Kinde, dass es mit Lust ersehnen mag der Myrthe blühendes Gewinde“. Auch der kleine Ludwig eilt herbei und neigt sich liebevoll dem Kinde zu, wird sie doch einst für seinen Thron die schönste Gabe sein. Klein-Elisabeth findet die Wartburg voller Sonnenschein und per Kusshand grüßt sie zu Hause ihr Mütterlein. Fröhliche Spiele hat man hier für sie ausgesonnen, und sie wird regelmäßig mit Blumensträußen bedacht. Der Thüringer Wald ist belebt, possierliche Eichhörnchen gibt es hier und hüpfende Rehe. Das Fischlein tummelt sich in der Welle, und auf der blühenden Wiese darf Elisabeth nach Faltern haschen.

Der junge Landgraf liebt die Jagd. Tagsüber durchstreift er mit seinem Ross die heimatlichen Gefilde und tutet in sein Jagdhorn. Der Anblick des väterlichen Schlosses aus der Ferne tut seinem Herzen wohl; im Abendrot macht sich die Wartburg besonders majestätisch aus.

Ein Weilchen ist Ludwig nun schon mit Elisabeth verheiratet. Die Ehe ist nicht unbedingt glücklich, denn Elisabeth geht mutterseelenallein gern ihre eigenen Wege. Diese führen direkt ins Dorf zu den Kranken und Bedürftigen, die sie mit Trost und Esswaren versorgt. An sich eine gute Sache, solange man es nicht übertreibt. Es geht aber nicht an, dass die Vorratskammer regelmäßig leer ist, wenn der Herr Landgraf mit seiner Jagdgesellschaft zechen möchte. Hier muss er auch seiner Mutter recht geben, die über solche Zustände ungehalten ist. Irgendwann wird er die Ungehorsame auf frischer Tat erwischen.

Die Gelegenheit bietet sich schon bald. Ohne jede Begleitung eilt Elisabeth mit ihrem Geschenkkörbchen wie gewohnt den steilen Pfad hinab ins Tal, doch Ludwig hat ihr nachgestellt. Weshalb bebt sie vor des Gatten Auge zurück und warum glühen ihre Wangen? Jetzt will er endlich wissen, was in dem Körbchen ist. – Er soll keine unangebrachten Fragen stellen. Der Inhalt des Körbchens sowie ihrer Handtasche gehen nur sie selbst etwas an. Der Übermut wird ihr aber bald vergehen, denn der Herr Gemahl macht ihr deutlich, wer auf der Wartburg das Sagen hat und welchen Stellenwert ausländische Ehefrauen haben.

Ihr Zittern sagt ihm, dass sein liebevoller Wille verhöhnt wird. Elisabeth leistet passiven Widerstand und schwindelt, dass Rosen im Körbchen seien, die sie im Hag gepflückt habe. Darf der Gemahl die Rosen vielleicht einmal sehen? Jetzt hilft nur noch das offene Geständnis: Zu seinen Füßen ist sie niedergesunken, die Wahrheit hat sie ihm verhehlt. Das Böse in ihrem Herzen ließ sie siegen, und vor Gott und dem Gemahl hat sie gefehlt. Lebensmittel für bedürftige Untertanen sind im Körbchen! Die Lebensmittel haben aber ein sehr eigenartiges Aroma! Der Landgraf macht von der ehelichen Gewalt Gebrauch, zieht das Tüchlein weg, um der Sache auf den Grund zu blicken. Elisabeth schaut verdutzt. Hat etwa der Himmel sie beim Schwindeln unterstützt? Mit milder Spende zog sie aus, mit Wein und Brot aus seinem Haus. Tatsächlich befinden sich im Körbchen wunderschöne Wildrosen. Ist das nicht Wahnsinn? Elisabeth, Elisabeth, was machst du für Sachen! Die schönen Blumen kommen sofort in die Vase. Korrekterweise entschuldigt sich der Landgraf unverzüglich für seine ungerechtfertigten Verdächtigungen.

Die Ereignisse der Zeit überrollen den Frieden des Landes. Im Heiligen Land, wo das Kreuz einst stand, sind Gottesstreiter gefragt. Sachzwängen gehorchend, bleibt Ludwig nichts anderes übrig, als sich dem Kreuzzug anzuschließen. Elisabeth lässt er schutzlos zurück, der Schwiegermutter zum Fraße. Auf einen Keuschheitsgürtel kann verzichtet werden, weil Elisabeth außerordentlich gottesfürchtig ist.

2. Teil:

Hat der Seneschall die Botschaft schon gehört? Ludwig hat im Heiligen Land sein Leben gelassen, so wie die Landgräfin Sophie sich das von Anfang an vorgestellt hat. Jetzt wird erst einmal ein bisschen getrauert, und das Land und die Macht gehören dann ihr. Elisabeth soll aus den Schloss verstoßen werden, und der Hausmeister soll ihr dabei helfen. Oder hat die Heuchlerin auch ihn für sich eingenommen, so wie sie ihren Sohn betört hat. Die Falsche ist ihrem Los verfallen; von des Schlosses Pforte soll sie vertrieben werden.

Ihr Auge wird ihn nicht mehr sehen. Von einer Lanze durchbohrt liegt der geliebte Gatte im fernen Lande. Elisabeth vergeht vor Schmerz. Hat Gott sich von ihr abgewandt? Entschieden ist ihr Los, und niemand hemmt Sophies Begehren; verlassen wird sie dieses Schloss und nimmer wiederkehren. So lautet der Bescheid der Schwiegermutter. Die Wartburg ist ihre Heimat und Elisabeth möchte in diesen Mauern bleiben. Die Schwiegermutter mag sie getrost hassen, aber sie erwartet ein Minimum an Respekt, weil sie von edler Abstammung sei. Noch diese Nacht wird sie die Burg verlassen. Selbst wenn es blitzt und donnert tut das nichts zur Sache. Von ihrem Flehen bleibt Sophie ungerührt. Der Hausmeister erkennt das Unrecht und des Mitleids Stimme geht ihm durch die Seele, doch der Herrin Grimm kann er leider nicht widerstehen. Die Großmutter soll doch bitte Rücksicht auf die Kinder nehmen, welche die Mutter brauchen. Die Kinder bleiben zum Fortleben der Dynastie bei der Oma. Der Himmel ist aber nicht so ganz einverstanden. Es wächst der Sturm, der Blitze wilde Pracht, der Himmel flammt und des Turmes Zinne kracht. Im Feuer steht das Dach. Welche fürchterliche Nacht!

Die Seele Elisabeths führt Zwiesprache mit ihrem toten Gemahl. Aus den Tagen der Kindheit erwacht die Erinnerung an die Eltern und das ferne Ungarnland. Wie Silberschwäne entführen die Wolken ihre Gedanken in die Heimat ihrer Vorfahren.

Die Armen klagen heftig, dass es nun keine Lebensmittelrationen mehr gibt und rasten nicht eher, bis Elisabeth heilig gesprochen wird.

Kaiser Friedrich II von Hohenstaufen sorgt dafür, dass die Ordnung auf der Wartburg wieder hergestellt und die Übeltäterin in Acht und Bann gesteckt wird.

Das Grab der heiligen Elisabeth soll regen Zulauf erhalten. Dafür wirbt Kaiser Friedrich.

Beschreibung

Franz Liszt verstand sich als Ungar und wählte nicht zuletzt wegen des nationalen Bezuges eine Ungarin, die Tochter Adreas II., zur Titelheldin seines Oratoriums. Die sechs Fresken des deutschen Malers Moritz von Schwind, dienten der Lebensgefährtin von Franz Liszt, Caroline von Sayn-Wittgenstein, als Skizze für den Handlungsaufbau. Der deutsche Dichter Otto Roquette formte aus der Vorlage ein hochpoetisches Libretto, aus dem Franz Liszt ein Meisterwerk schuf.


Letzte Änderung am 13.1.2018
Beitrag von Engelbert Hellen