Louis-Nicolas Clérambault (1676-1749):

Médée

Allgemeine Angaben zur Kantate

Entstehungszeit: 1710
Besetzung: Sopran, Violine, Flöte und Generalbass
Spieldauer: ca. 20 Minuten
Erstdruck: Paris: Selbstverlag, 1710
Verlag: Courlay: Éditions J.M. Fuzeau, 1988
Genf: Minkoff Reprint, 1984
Bemerkung: In der Zeit von 1710-26 entstand eine Kollektion von fünf Kantatenbüchern, in denen die von Louis-Nicolas Clérambault komponierten Werke dieser Kategorie als Fünferblock zusammengefasst wurden. Inhaltlich handelt es sich um mythologische Themen, die einem Protagonisten der griechischen Antike gewidmet sind und eine Episode aus seinem Leben beleuchten. Wenig plakativ klingt das äußere Geschehen nur an, die seelische Befindlichkeit wird in den Vordergrund gerückt. Die Form der Kantate bietet einen anspruchsvolleren Rahmen als das schlichte Lied und weist als Begleitung der isolierten Singstimme eine kammermusikalische Besetzung in kleinem Rahmen auf. In ihrer Liebenswürdigkeit könnte man sie als Studie zu einer nicht in Angriff genommenen Oper bezeichnen. Clérambault war in Frankreich ihr unumschränkter Meister und bedeutendster Vertreter, der in Hector Berlioz einen würdigen Nachfahren fand.

Clérambault griff sich das Drama des Euripides, nicht um den Inhalt nachzuvollziehen. Nein, er entwickelte ein Seelengemälde, welches Médées Psyche auslotet und sie selbst erzählen lässt, wie sie an ihrer inneren Zerrissenheit verzweifelt. Sie pendelt zwischen der leidenschaftlichen Liebe zu Jason und der Eifersucht auf die jüngere Rivalin von einem Extrem ins andere. Ihre endgültige Entscheidung ist destruktiv, der Hass ist stärker und Médée schickt beide ins Verderben. Der anonyme Librettist verheddert sich im Zeitablauf ein bisschen, denn an den Ufern von Kolchis kannte Médée die Rivalin noch gar nicht. Der Konzertbesucher wird um Nachsicht gebeten.

Der Komponist verfährt technisch nach bewährtem Muster. Er gliedert die Kantate in vier Sätze, die er nach barockem Vorbild in Rezitativ und Arie aufteilt. Eine vorzügliche Interpretin der Médée war in den 1980er Jahren Rachel Yakar.

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[Details]
Kantaten (Alpha, DDD, 2004)
Louis-Nicolas Clerambault (1676-1749)

Zur Kantate

Art: Kantate in vier Abschnitten
Sprache: französisch

Handlung

1.

Récitatif: L'amante de Jason...
Prélude: Non, non, n'écoutons plus...
Air: Courons, courons à la vengeance...

Es war an den Ufern von Kolchis, als die Geliebte des Jason die Hölle aufrief, sie zu verteidigen. Den Helden sollte die Liebe und die Dankbarkeit in ihrer Umarmung zurückhalten. Doch schon bald musste sie erfahren, dass eine neue Bindung ihren flatterhaften Bräutigam mit süßem Glück erfüllte. Zu welchem Leiden haben die Götter sie verdammt? Wird sie Jason für immer verlieren? Von dem Charme seiner falschen Zärtlichkeit verführt, schritt sie zur Tat, den eigenen Vater und die Götter zu verraten. Durch Médée allein konnte Jason die wilden Stiere bezwingen und kehrte im Triumph nach Griechenland zurück. An jenem verhängnisvollen Tag vergaß der Verräter Pflicht, Ruhm und Liebe.

Nein, nur auf ihren gerechten Zorn darf sie hören. Der verzweifelte Amor verlangt ein Opfer. In ihrer Liebe hat man sie verraten, eifersüchtig ist nun ihr Herz. Hass und Wut sollen herbeikommen, damit sie ihn dem Verderben ausliefern kann.

Lasst uns zur Rache eilen, denn tödliche Kränkung entflammt ihren Zorn. Beleidigt hat sie der Undankbare. Unter furchtbaren Schlägen soll er dafür zugrunde gehen. Die drohenden Blitze gerechter Wut sollen auf sein schuldiges Haupt hernieder sausen. Nicht zu besänftigen ist der Hass, wenn er durch die Liebe im Herzen entzündet wird!

2.

Récitatif: Que dis-je?
Air: L'Amour dans ses fers …

Was sagt sie? Das Herz rebelliert und schlägt Alarm, weil es sich seiner gefahrvollen Lage bewusst ist. Zwar sieht man Médée bereit, Jason zu bestrafen, doch sein grausamer Verrat kann ihn nicht so richtig gegen ihn aufbringen. Sie sieht in dem Treulosen nur die Vorzüge, die sie einst veranlasste, ihn zu lieben.

Amor hat sie erneut in seine Ketten geschlagen. All ihrem Schmerz zum Trotz siegt er auf seine Art. Vergebens verliert sich ihr zartfühlendes Herz in Hass, immer wieder kehrt es zur Liebe zurück.

3.

Récitatif: Mais quelle est mon erreur extrême?
Invocation: Cruelle fille des Enfers...

Doch worin liegt Médées größter Irrtum? Sich selbst verrät sie, um einen Undankbaren zu retten, während der Treulose vielleicht in eben diesem Augenblick den Unsterblichen zu Füßen liegt, um sich mit der Geliebten zu vereinen. Zu sehr hat sie unter solchen grausamen Beleidigungen gelitten. Ihre unglückliche Liebesglut muss gerächt werden. Indem wir die glückliche Rivalin zugrunde richten, will Médée den undankbaren Jason in die ewige Verdammnis stürzen.

Schreckliche Eifersucht, du grausame Tochter der Hölle und Dämon des Todes, komm herbei, steige empor! Deine Abgründe sind geöffnet, um ihre verratene Liebesglut zu rächen. Komm herbei und bestrafe die Rivalin mit schrecklichen Qualen, wie sie diese selbst erlitt! Lass den Schmerz so stark sein wie ihr Zorn, damit ihre Qual das ganze Weltall erschüttert.

4.

Récitatif: Le charme est fait
Air: Volez Démons

Die Beschwörung ist perfekt, die grausamen Furien steigen aus düsterer Finsternis hervor. Der strahlende Gott, der ihr das Leben schenkte, erzittert nun vor ihrer Grausamkeit.

Dämonen kommen herbei und dienen ihrem tödlichen Zorn. Sie verbrennen und verwüsten diesen Palast. Verwirrung und Schrecken senken sich in alle Herzen. Der Schrecken des Feuers soll sich vervielfachen. Das Chaos ist grässlich. Médée sieht es mit Genugtuung.

Hintergrundinformation

Der Lebensweg der zauberkundigen Tochter des Aites umfasst eine Reihe denkwürdiger Stationen. An der Ostküste des Schwarzen Meeres geboren, war es die Aufgabe der Prinzessin, das goldene Vlies zu bewachen. Die Wolle war das Prunkstück des Tempelschatzes und als Statussymbol des kleinen Königreichs zu Füßen des Kaukasus weit über seine Grenzen hinaus bekannt. Jason, ein tatendurstiger Prinz aus Griechenland, konnte der Verlockung nicht widerstehen, kreuzte mit seiner Schaluppe in Kolchis auf, um als Führer der Argonauten einen Raubüberfall zu begehen. Ein günstiger Zufall kam ihm zur Hilfe. Er musste sich nicht anstrengen, denn Medea, des Königs unerfahrenes Töchterchen, hatte sich in den Führer der Argonauten in Liebesdurst verknallt. Als Priesterin hatte sie Zugang zum Allerheiligsten, stahl das wertvolle Widderfell und brannte mit dem Herzallerliebsten durch. Ihren kleinen Bruder hatte sie auch dabei, zerhackte ihn aber in kleine Stücke und warf die Leichenteile ins Meer. Damit sollte bezweckt werden, die verfolgenden Schiffe aufzuhalten. Die Mannschaft war damit beschäftigt, die Leichenteile einzusammeln, um dem toten Knaben eine würdige Bestattung zu sichern. Jasons Schiff gewann an Vorsprung, doch die Göttin Hera entzog den Argonauten ob der begangenen Freveltat ihren Schutz. Das Schiff irrte zunächst durch das sturmgepeitschte Schwarze Meer und gelangte irrtümlich in die Donaumündung. Unglaubliches berichtet die Sage über den weiteren Reiseverlauf und nennt die Adria, den Po, die Rhône, die Westküste Italiens, Sizilien, Korfu, Libyen und Kreta, bevor die Ägäis die Argo wieder aufnimmt. Nur Odysseus soll noch weiter gereist sein, er hat auf seiner Reiseroute noch Lissabon und Danzig mitgenommen.

Auf geht es zur nächsten Gräueltat! Zu Hause angekommen stellen beide fest, dass Onkel Pelias dem Vater Jasons, welcher der rechtmäßige König von Iolkos gewesen wäre, vorzeitig den Weg ins Jenseits geebnet hat. Solch ruchlose Tat fordert Rache! Die Zauberin aus dem Kaukasus ist um eine feinsinnige Idee nicht verlegen. Sie macht sich an die Töchter des Pelias heran und zeigt ihnen, wie aus alt wieder jung gemacht wird. Ein alter Widder wird bei lebendigem Leib in einem Wasserkessel zum Siedepunkt gebracht. Eine Kräutermischung mit verjüngenden Kräften wird dem Sud beigegeben und ein junges Böckchen entspringt nach Umkippen der Sanduhr dem Wasserkessel. Medea hat die Töchter von ihrer Kunst überzeugt. Könnte man mit dem alten Vater nicht genau so verfahren? Versuch macht klug! Nun, Pelias bleibt bei der Verjüngungskur auf der Strecke. Klug gehandelt hat das Mörderpaar allerdings nicht, denn die Sache wird ruchbar, und fluchtartig müssen beide Iolkos verlassen.

Der Peloponnes wird ihre neue Heimat. Unerkannt kann das Paar eine Weile in Frieden leben und Medea gebiert dem Jason zwei Söhne. König Kreon von Korinth schenkt dem Helden Freundschaft und Vertrauen und bietet ihm aus politischem Kalkül seine Tochter Kreusa zur Ehe. Hier setzt das Drama des Euripides ein, welches die Zeitspanne von Medeas mörderischer Protestaktion gegen ihre Nachfolgerin bis zur Tötung ihrer beiden Kinder reicht. Die Einzelheiten dürften dem Konzertbesucher durch die Cherubini-Oper hinreichend bekannt sein. Medea entkommt mit ihrem feurigen Zauberwagen bis Athen. Nach anderslautenden Berichten wird sie den Furien unterstellt
und muss – selbst eine Furie – schauen, wie sie mit ihnen klarkommt.

Die nächste Straftat misslingt! Medea, ein wenig gealtert, aber immer noch gebärfreudig, heiratet in Athen König Ägäos, nach dem das Ägäische Meer benannt wurde. Sie schenkt ihm einen Sohn, den sie Medos nennt. Ihre Absicht ist es, ihn eines Tages auf dem Thron zu platzieren, der allerdings von Theseus beansprucht wird. Folgerichtig muss der Störfaktor aus dem Weg geräumt werden. Das Problem besteht darin, dass der unruhige Gast nie zu Hause, sondern ständig auf Achse ist und Heldentaten der absonderlichsten Art vollbringt. Eines Tages zieht es ihn wieder an den väterlichen Hof, weiß aber nicht, dass die neue Stiefmutter ihm nicht wohlgesonnen ist. Sie hat das Gerücht verbreiten lassen, dass der Neuankömmling, durch seine Heldentaten legitimiert, Ägäos vom Thron stürzen will. Die erfolgreiche Jagd auf den Stier von Marathon wird als Anlass genommen, ein Bankett zu veranstalten. Der Giftbecher gelangt nicht an die Lippen des ehrenvollen Gastes, sondern wird ihm rechtzeitig aus der Hand geschlagen. Der Vater hat den verloren geglaubten Sohn an seinem Schwert und den abgewetzten Sandalen erkannt. Medea muss mit ihrer Kinderschar erneut den Weg in die Verbannung antreten, damit sich Gleiches nicht noch einmal wiederholt. Den Zusammenstoß zwischen Medea und Theseus verewigte Gaspare Spontini in seiner Oper „Teseo riconosciuto“.

Zur Ruhe gekommen heiratet Medea auf den „Inseln der Seligen“ den Helden Achilles. Das verwundert, denn bei seiner letzten Gemahlin, einer Amazonenkönigin, hatte Achilles sich in seiner Leidenschaft ein bisschen übernommen. Phentesilea hatte ihn zum Fressen gern und tat ihren Gelüsten keinen Zwang an. Wird die neue Verbindung mit Medea nun harmonisch verlaufen? Die Historiker geben keinen Bericht.


Letzte Änderung am 29.3.2008
Beitrag von Engelbert Hellen