Hector Berlioz (1803-1869):

Herminie

deutsch Erminia / englisch Herminia

Allgemeine Angaben zur Kantate

Anlass: Eingabe an das Institut de France mit dem Ziel, den Prix de Rome zu erhalten
Entstehungszeit: 1828
Besetzung: Sopran und Orchester
Verlag: Kassel: Bärenreiter, 1999
Bemerkung: Formal hält sich Berlioz bei seiner Komposition noch an das klassische Schema von Rezitativ und Arie. Im Rezitativ wird das Thema des Gedichtes vorgetragen und in der Arie ausgeschmückt.

Seine Arbeit reichte der Komponist ein, um den begehrten „Prix de Rome“ zu erhalten, es blieb aber nur bei Silber. Nach dem fünften Versuch im Jahre 1830 erhielt er für seine Kantate „La Mort de Sardanapale“ endlich die begehrte Auszeichnung und durfte sich für ein Jahr in der Villa Medici in Rom einquartieren, um dort die Annehmlichkeiten eines Studienaufenthaltes zu genießen.

Es mag verwundern, dass Berlioz überhaupt eine Komposition „Herminie“ einreichte, weil Jacques Fromental Halévy im Jahre 1819 für eine Kantate mit dem gleichen Titel den ersten Preis bereits erhalten hatte.

Thematisch handelt es sich um eine Episode, welche Torquato Tasso seiner bekannten Dichtung „Gerusalemme liberata“ eingefügt hat. Es erstaunt, dass die Musiker der Romantik und der Neuzeit von dem barocken Literaturvorwurf des befreiten Jerusalems nicht loskommen und immer noch zehren.

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[Details]
Kantaten (Naxos, DDD, 94/95)
Hector Berlioz (1803-1869)

Künstler: Michele Lagrange, Beatrice Uria-Monzon, Daniel Galvez-Vallejo, Choeur regional Nord-Pas-de-Calais, Orchestre National de Lille, Jean-Claude Casadesus

Zur Kantate

Art: Scène Lyrique (Lyrische Szene)
Text: Gedicht von Pierre-Ange Vieillard
Sprache: französisch

Beschreibung

1
Der Konzertbesucher möchte informiert sein, welcher Kummer die jammervolle Erminia plagt.
Nun, Tancred hat ihr Schlimmes angetan und sie vom väterlichen Thron gestoßen. Die Städte des Landes hat er gebrandschatzt und Entsetzen und Verwirrung ins unglückliche Syrien gebracht. Er verehrt einen andere Gott und die Gesetze des Landes hat er abgeschafft. Seinetwegen hat sie alles verloren, nicht einmal der Seelenfriede ist ihr geblieben, denn theoretisch müsste sie ihn hassen, aber ihr Herz vermag es nicht. Die Ketten, die er ihr angelegt hat, sind ihr teuer und sie hätschelt die Qualen, die sie durch ihn erleidet.

Wie schön wäre es, wenn die Zärtlichkeit, die sie für ihn empfindet, mit Liebe belohnt würde. Sollte er sich hierzu entschließen, würde sie mit Entzücken diesen Tag segnen. Die Krone ist ihr nicht so wichtig, es macht ihr nicht viel aus, den Kopfschmuck einzubüßen. Die Gewalt ihrer Leidenschaft wächst jeden Augenblick, das Herz steht in Flammen, aber der Mund ist zum Schweigen verurteilt. Das Objekt ihrer Leidenschaft verweilt im Christenlager und ihre Augen können ihn nicht mehr erblicken. Ohne Hoffnung ist sie und ohne Aussicht auf Belohnung. „Ah, si de la tendresse...“ Nun wissen alle, weshalb Erminia unglücklich ist.

2
Während ungeheuerliches Missgeschick sie bedroht, gibt sie sich in Gedanken einer sinnlosen Leidenschaft hin. Ein Zweikampf ist angesagt. Tancred und Argant werden ihren Hass zu erkennen geben. Grauenvoll könnte das Kräftemessen ausgehen. Selbst wenn er es mit seinem eigenen Blut beweisen müsste, will Tancred aus dem Streit als Held hervorgehen. Erminia hat Angst um ihn.
Wenn der Ritter nur auf seinen anspornenden Eifer achtet und nicht merkt, dass seine Stärke nachlässt, wird er seinem heldenhaften Unterfangen zum Opfer fallen. Das wäre ein tödlicher Schrecken für ihre Liebe.

Tancred soll einhalten und vor der Gefahr zittern, in die er sich begibt. Der tödliche Hieb schwebt über seinem Kopf. Falls Argant ihn spaltet, träfe es nicht nur ihr Herz, sondern ihr ganzes Sein.
Ihre Stimme ist zu schwach, um ihrer Klage den erforderlichen Nachdruck zu verleihen. Sie beschwört den leidenschaftlich Geliebten. Hört er sie nicht? „Arrête! Arrête! Cher Tancrede...“

3
Völlig anders ausgerichtet ist der Charakter Clorindas. Der Furcht und Schwäche ihres Geschlechts hat sie abgeschworen und mit der Waffe in der Hand kämpft sie in der Schlacht; Mut leitet ihre Schritte. Wie sehr sie die Schwester beneidet! Ihre Rüstung hängt an der Wand, denn nicht jeden Tag trägt sie Helm und Brustpanzer. Die bauschige Hose und das perlenbestickte Mieder bergen die dunkel getönte Haut und frei im Wind flattern die kupfernen Haare. Wie wäre es, wenn sich Ermina der kleidsamen Stücke, die der Gefahr geweiht sind, bemächtigen würde, um unerkannt ins Lager der Christen zu schleichen? Wie würden die tapferen Ritter staunen! Die Zeit ist kostbar, dem heimlich Geliebten die Taktik des Gegners zu erläutern. Aber ach, ihr Arm ist zu schwach, um auch nur den Speer zu halten. Die gefürchteten Waffen der Tapferkeit machen viel Lärm. Ihre Liebe können sie nicht schützen und ihr Unglück nicht verbergen. “Protégez l'amour, Protégez le malheur!“

4
Ermina fleht zum Gott der Christen, den sie nicht kennt und einstmals beschimpfte. In Demut wendet sie sich an ihn, damit er sich ihr zuneige und ihre schwache Stimme vernehme. Ihres Herzens Bitte soll er erfüllen und seine zitternde Gegnerin in die Arme Tancreds legen. Gönnt der
Fremde und Unbekannte ihr Tancred, wird sie ihn in Zukunft als einzigen Gott akzeptieren. Das ist ein Versprechen!

Ihrem Gebet verleiht Erminia Nachdruck, in dem sie Auszüge aus dem letzten Rezitativ mehrmals wiederholt.


Letzte Änderung am 7.1.2008
Beitrag von Engelbert Hellen